
Unter dem Motto „Kein Vergeben – Kein Vergessen!“ wollen wir auch in diesem Jahr den Opfern der euphemistisch „Reichskristallnacht“ genannten Gräueltaten von 1938 gedenken.
Gleichzeitig wollen wir auch auf die Neonaziszene in Leverkusen und Umgebung aufmerksam machen sowie die Machenschaften der rechtsextremen „Bürgerbewegung pro NRW“ in unserer Stadt beleuchten.
9. November 1938 - Reichspogromnacht
Nach einer Serie von Verhaftungen polnischer Jüdinnen und Juden in Deutschland und ihrer späteren Abschiebungen schoss der junge Herschel Grynspan am 7. November 1938 aus Angst um seine Familie den deutschen Diplomaten von Rath nieder.
Die Führungsriege der Nazis verklärte die Verzweiflungstat Grynspans zu einem „Attentat des Weltjudentums“ und sah darin die Legitimation für ihr perfides Vorhaben: Über ihren Propagandaapparat schürten sie im ganzen Land antisemitische Stimmungen und bereiteten landesweite antijüdische Aktionen zur Einschüchterung und Vertreibung der jüdischen Bevölkerung vor.
Am Abend des 7. Novembers ergingen konkrete Anweisungen an sämtliche NS-Verbände, wie die geplanten Ausschreitungen auszusehen hätten: Im ganzen Land sollten demnach „spontane“ antijüdische Versammlungen und Aufmärsche durchgeführt werden, aus denen heraus SA-Männer in Zivilkleidung jüdische Wohnungen, Geschäfte und Synagogen angreifen sollten.
Zwei Tage später, am 9. November 1938, begannen die mehrtägigen Pogrome. Innerhalb von vier Tagen wurden fast 8.000 jüdische Geschäfte geplündert und zerstört, mindestens 267 Synagogen wurden niedergebrannt oder gesprengt. 91 Menschen jüdischen Glaubens wurden in diesen Tagen ermordet. Zeitgleich wurden über 25.000 JüdInnen verhaftet und mindestens 3.000 von ihnen wurden in Konzentrationslager deportiert und dort getötet.
Reichspogromnacht auch hier in Leverkusen...
In Leverkusen schlug der nationalsozialistische Mob ebenfalls zu: Bereits am 8. November wurden im gesamten Stadtgebiet antijüdische Kundgebungen organisiert. Eine Direktive der Gestapo-Leitstelle Düsseldorf, die an alle Polizeireviere ging, gab eine Handlungsanweisung für die bevorstehenden Gewaltexzesse: So sollte unter Anderem sichergestellt werden, dass „nichtjüdische“ Geschäfte geschützt werden und Brände so gelegt werden, dass das Feuer nicht auf andere Gebäude übergreift.
In der Nacht auf den 10. November warfen Mitglieder der Leverkusener NSDAP die Fensterscheiben sämtlicher jüdischen Geschäfte in Wiesdorf ein und verhafteten zwei JüdInnen. Gleichzeitig begann der Ortsgruppenleiter der NSDAP Opladen ebenfalls Übergriffe zu organisieren. Noch in der Nacht begaben sich NSDAP-Mitglieder und ein Polizist zur Synagoge in der Altstadtstraße, brachen in das Gebäude ein und verwüsteten die komplette Inneneinrichtung. Anschließend wurde die Synagoge von der Opladener Bevölkerung geplündert.
Am nächsten Tag warfen Mitglieder der SA, der NSDAP und BürgerInnen gemeinsam die Scheiben der Synagoge ein. Am Nachmittag legte der Mob schließlich Feuer im Gebäude. Als die Feuerwehr eintraf, war nichts mehr zu retten: die Synagoge war bereits bis auf die Grundmauern niedergebrannt.
Ein beteiligter Feuerwehrmann berichtete später, dass es Befehle gab, die ein Ausrücken solange hinauszögerten, bis sichergestellt sei, dass von dem jüdischen Gebäude nichts mehr übrig bleibe. Währenddessen wurden in Opladen mindestens neun JüdInnen festgenommen, von denen einige in Konzentrationslager deportiert wurden.
9. November 2009 – 71 Jahre später
Seit einigen Jahren ist ein stetiges Anwachsen rechtsextremen Potentials in Leverkusen zu beobachten. Die Erscheinungsformen mögen sich stark unterscheiden, die Gefahren sind jedoch auf allen Ebenen unbestreitbar.
Von Biedermännern...
Seit der Kommunalwahl am 30. August diesen Jahres sitzt in Leverkusen erstmals seit den Tagen der „Republikaner“ (REPs) (1989-1994) wieder eine rechte Partei im Stadtrat: die selbsternannte „Bürgerbewegung pro NRW“. Der Name täuscht allerdings über die Gesinnung von „pro NRW“ hinweg. So stammen die Führungskräfte größtenteils aus rechtsextremen Organisationen wie zum Beispiel den „REPs“ oder der „Deutschen Liga für Volk und Heimat“ (DLVH). Anderweitige Zusammenarbeit zwischen der „Bürgerbewegung“ und Neonazis zeigen sich bei internen Schulungsveranstaltungen, die teilweise gemeinsam veranstaltet werden. So nahmen „Pro NRW“-Mitglieder auch an Veranstaltungen des NPD-nahen „Deutschen Kulturwerks“ z.B. in der Opladener Bahnhofsgaststätte teil.
Auch bei öffentlichen Auftritten wie Kundgebungen und Demonstrationen „Pro NRWs“ ist von der bürgerlichen Rechten bis hin zum militanten Neonazispektrum meist alles vertreten. Besonders deutlich machten dies die Versuche von „Pro NRW“, so genannte „Anti-Islamisierungskongresse“ 2008 und 2009 abzuhalten, zu denen bekennende Neonazis aus ganz Europa eingeladen wurden.
...und Brandstiftern
Seit einiger Zeit macht eine neue Erscheinungsform von Neonazis von sich reden, die selbsternannten „Autonomen Nationalisten“ (AN). Unter diesem Pseudonym sammeln sich militante Neonazis und rechte Hooligans auch hier in Leverkusen.
Die „Autonomen Nationalisten Leverkusen / Leichlingen“ (ANL/L) gingen aus der aufgelösten Freien Kameradschaft „Leverkusener Aufbruch“ bzw. „Nationaler Widerstand Leverkusen“ (NWL) hervor. Neben Schmierereien fallen die so genannten „Autonomen Nationalisten“ vor allem durch ihre Gewalttätigkeiten auf. So griffen z.B. am 1. Mai 2009 etwa 300 Neonazis aus diesem Spektrum eine DGB-Kundgebung in der Dortmunder Innenstadt mit Holzstangen und Steinen an. Mehrere Menschen wurden dabei verletzt.
Auch in Leverkusen kam es zu Übergriffen auf Menschen, die nicht in das eingeschränkte Weltbild der Nazis passten. Im Anschluss an die 9. November-Demonstration 2007 griffen circa 20 vermummte Neonazis eine Gruppe abreisender DemonstrantInnen am Opladener Bahnhof mit Reizgas und sandbefüllten Glasflaschen an. Dabei wurden mehrere Menschen zum Teil schwer verletzt. In der Folgezeit häuften sich Angriffe auf Jugendliche und PassantInnen im Opladener Stadtgebiet durch Neonazis aus dem Kreis der „Autonomen Nationalisten“.
Leverkusen und die neuen Rechten
In der Öffentlichkeit wurde der Angriff vor zwei Jahren wenn überhaupt als „Streit rivalisierender Jugendbanden“ wahrgenommen. Als klar wurde, dass sich neonazistische Übergriffe in der Folgezeit häuften, schwappte eine kleine Welle der Empörung durch die Leserbriefspalten der Lokalzeitungen, doch eine weitergehende Auseinandersetzung mit dem Problem fand nie statt.
Trotz eindeutiger Vernetzungen ins rechtsextreme Milieu wurde „Pro NRW“ in den Leverkusener Stadtrat gewählt. „Pro NRW“ führte einen äußerst aggressiven Wahlkampf, der vor allem darauf abzielte, rassistische und ausländerfeindliche Ressentiments zu wecken und zu schüren.
Auch offensichtliche Übertreibungen, wie z.B. einen kleinen Anbau in Leverkusen- Rheindorf zu einer „Prunkmoschee“ zu erklären, und pauschale Angriffe auf MigrantInnen, Muslime und andere Minderheiten war Vielen offensichtlich nicht Grund genug, „Pro NRW“ eine klare Absage zu erteilen.
„Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen:
darin liegt der Kern dessen, was wir zu sagen haben.“
Primo Levi
Der 9. November 1938 mit seinen Pogromen ist ein Symbol für faschistischen und antisemitischen Terror, der von der großen Mehrheit der Bevölkerung aktiv unterstützt oder zumindest toleriert wurde. Er ist der Beginn von Deportation, Zwangsarbeit und industriellem Massenmord an Millionen Menschen jüdischen Glaubens. Es liegt an uns, den Opfern des Nationalsozialismus zu gedenken, die Singularität der Shoa hervorzuheben und dafür zu sorgen, dass sich Derartiges nicht wiederholt.
Antifaschistisches Gedenken muss über das reine Erinnern an die Opfer hinaus gehen. Es heißt auch sich heute aktiv Allen entgegenzustellen, die sich positiv auf den Nationalsozialismus beziehen, den millionenfachen Massenmord relativieren oder leugnen. Dazu gehört auch, Allen entgegen zu treten, die auf Ausgrenzung bauen und Antisemitismus und rassistische Hetze verbreiten oder sie verharmlosen. Egal ob diese im Anzug oder im Kapuzenpullover daher kommen.
Lasst uns deshalb am 9 November 2009 ein deutliches Zeichen
gegen alltäglichen Rassismus, Antisemitismus und Nationalismus setzen.
Erinnern muss auch Handeln heißen!
Nie wieder Faschismus – Nie wieder Krieg!
Kommt zur antifaschistischen Gedenkdemonstration
am Montag, den 9. November 2009 um 19.00 Uhr
in der Bahnhofstraße in Leverkusen-Opladen
Antifaschistische Aktion LEVerkusen
Oktober 2009

