
Deutschland 2007
Wieder einmal machen Ausschreitungen von
Neonazis in der Bundesrepublik Schlagzeilen.
Nur ein Bruchteil der rechtsextremen
Gewalttaten fi ndet den Weg in die mediale Öff entlichkeit, viele werden wenn, dann nur
in kleineren Kreisen publik.
Einen besonderen Fokus richtete die Presse
im August 2007 auf die sächsische Stadt
Mügeln: Eine Horde von Neonazis und deutschnationalen Bürgern hetzten unter
durch die Straßen der Kleinstadt. Alle Inder
wurden erheblich verletzt, der Polizei
gelang es erst mit einem Großaufgebot
an Einsatzkräften, die Meute zurückzudrängen. Im Anschluss betonte der Bürgermeister von
Mügeln, Gotthard Deuse (FDP): „Wir haben
hier keine rechtsradikale Szene“.
Eine rechtsextreme Szene in Leverkusen
wird auch von hier ansässigen PolitikerInnen
immer wieder verneint. Gleichzeitig tauchen
Neonazis aus Leverkusen im gesamten Bundesgebiet
und im benachbarten Ausland bei Neonazi-Aufmärschen auf; diverse Schmierereien
von Naziparolen finden sich im ganzen
Stadtgebiet, Übergriffe auf vermeintlich
Andersdenkende mehren sich.

Weniger in den Medien, aber auch weiter
auf dem Vormarsch sind antisemitische
Gewalttaten: Schändungen von jüdischen
Friedhöfen oder Gedenkstätten finden
beinah im Wochenrhythmus statt, Angriffe
auf Menschen jüdischen Glaubens stehen
beinah schon auf der Tagesordnung. Parolenv
wie „BRD, Judenstaat, wir haben Dich zum
Kotzen satt!“ oder „Juden raus!“ hört man nicht
nur bei Neonazi-Aufmärschen.
Reichspogromnacht - 9.11.1938
Nach einer Serie von Verhaftungen polnischer
JüdInnen in Deutschland und ihrer späteren
Abschiebung schoss der junge Herschel
Grynspan am 7. November aus Angst um seine
Familie den deutschen Diplomaten von Rath
nieder.
Die Führungsriege der Nazis verklärte die Verzweiflungstat Grynspans zu einem „Attentat
des Weltjudentums“ und sah darin die Legitimation
für ihr perfides Vorhaben: Über ihren
Propagandaapparat schürten sie im ganzen
Land antisemitische Stimmungen
und bereiteten
landesweite
antijüdische
Aktionen zur
Einschüchterung
und
Vertreibung der
jüdischen Bevölkerung
vor.
Bereits am Abend des 7. Novembers ergingen
konkrete Anweisungen an sämtliche NSVerbände,
wie die geplanten Ausschreitungen
auszusehen hätten:
Im ganzen Land sollten demnach „spontane“
antijüdische Versammlungen, Kundgebungen
und Aufmärsche organisiert werden, aus denen
heraus SA-Männer in Zivilkleidung jüdische
Wohnungen, Geschäfte und Synagogen angreifen
sollten.

Bereits zwei Tage später, am 9. November
1938, begannen die mehrtägigen Pogrome.
Innerhalb von vier Tagen wurden fast 8.000
jüdische Geschäfte geplündert und zerstört,
mindestens 267 Synagogen wurden abgebrannt
oder gesprengt. 91 Menschen jüdischen
Glaubens wurden in diesen Tagen ermordet.
Zeitgleich wurden über 25.000 JüdInnen
verhaftet und mindestens 3.000 von ihnen
wurden in Konzentrationslager deportiert und
dort später getötet.
Währenddessen in Leverkusen
Auch hier bei uns in Leverkusen schlug der
nationalsozialistische Mob zu: Schon am
8. November wurden im gesamten Stadtgebiet
antijüdische Kundgebungen organisiert.
Einen Tag später erreichte eine Direktive der
Gestapo-Leitstelle Düsseldorf die örtlichen
Polizeireviere, in der
beschrieben wurde, wie
sich die Polizei bei den
bevorstehenden
Gewaltexzessen
zu verhalten
habe:
So sollte sichergestellt werden, dass „nichtjüdische“ Geschäfte geschützt werden und
Brände so gelegt werden, dass das Feuer nicht
auf andere Gebäude übergreift. In der Nacht
auf den 10. November warfen Mitglieder der
Leverkusener NSDAP die Fensterscheiben sämtlicher jüdischen Geschäfte in Wiesdorf
ein und verhafteten zwei JüdInnen.
In derselben Nacht begann der Ortsgruppenleiter
der NSDAP Opladen ebenfalls Übergriff
e zu organisieren. So begab er sich noch in
der Nacht gemeinsam mit drei weiteren
NSDAP-Mitgliedern
und einem Polizisten zur
Synagoge in der Altstadtstraße
und sie verwüsteten
dort die komplette Inneneinrichtung.
Anschließend
wurde die Synagoge von
der Opladener Bevölkerung
geplündert.
Am nächsten Tag postierten sich SA-Angehörige
und NSDAP-Mitglieder vor der Synagoge
und versuchten immer wieder Passanten, besonders
Kinder zu animieren, Fensterscheiben
einzuwerfen und Feuer zu legen.

Am Nachmittag war es dann soweit, die Synagoge
stand in Flammen. Als die Feuerwehr
schließlich eintraf, war nichts mehr zu retten:
die Synagoge war bis auf die Grundmauern
niedergebrannt. Lediglich ein Übergreifen
des Brandes auf benachbarte Gebäude wurde
verhindert.
Ein beteiligter Feuerwehrmann berichtete
später, dass es Befehle gab, die ein Ausrücken
hinauszögern sollten, bis sichergestellt sei,
dass von dem jüdischen Gebäude nichts
mehr übrig bleibe.
Gleichzeitig wurden in Opladen mindestens
neun JüdInnen festgenommen, von denen
einige in Konzentrationslager deportiert
wurden.
I.G. Farben und ihre Verbrechen
Einige Chemieunternehmen gründeten im
Jahr 1926 in Frankfurt/Main die Interessen-Gemeinschaft Farbenindustrie AG (kurz:
I.G. Farben). Zu den Gründungsmitgliedern
gehörte neben Agfa, BASF und Hoechst
auch die Bayer AG. Dieses neu gegründete
Großunternehmen hatte über 80.000
Beschäftigte und wuchs in der Folgezeit zum
viertgrößten Konzern weltweit an.
Hand in Hand arbeitete der
Chemiekonzern nun mit den
Nazis zusammen: mit immer
größeren Spenden an dieNSDAP fi nanzierte die I.G. Farben die
Parteiarbeit Hitlers. Als man den Nazis
schließlich 1933 an die Macht geholfen
hatte, erinnerten diese sich an den willigen
Gehilfen aus der Chemiebranche. Die neue
Regierung schloss diverse Verträge mit der
I.G. Farben und machte den Konzern so zu
einem Hauptzulieferer des NS-Regimes.
Gleichzeitig profi tierte der Konzern durch
die Übernahme „arisierter“ Betriebe in
weiten Teilen Europas und konnte so seine
industrielle und politische Vormachtstellung
weiter ausbauen.
Das Arbeitsfeld der I.G. Farben war breit gestreut:
ob synthetische Kraftstoffe, Bestandteile
zur Munitionsherstellung oder chemische
Kampfstoff e, fast alle Produkte der
I.G. Farben dienten der Kriegsführung. Das
wohl bekannteste und brutalste Erzeugnis
des Konzerns, war Zyklon B.

Das von Degesch („Deutsche Gesellschaft
zur Schädlingsbekämpfung“) hergestellte
Giftgas diente in den Gaskammern der Vernichtungslager
zur industriellen Ermordung
von Millionen Jüdinnen und Juden, Sinti
und Roma, sowjetischen Kriegsgefangenen,
politischen und anderen verfolgten des
Naziregimes.
Forscher der Firma Bayer entwickelten „Medikamente“
zur „Vernichtung unwerten Lebens“
(Nazijargon für die Ermordung von
Behinderten, Kranken, „Minderwertigen“
uvm.). Dem Euthanasie-Programm der
Nazis fielen über 60.000 Menschen zum
Opfer.
Gleichzeitig zahlte Bayer dem berüchtigten
KZ-“Arzt“ Mengele Prämien, um
Medikamente an KZ-Insassen zu testen.
Insgesamt beutete die I.G. Farben mehr als 350.000 ZwangsarbeiterInnen aus,von denen allein 30.000 im
firmeneigenen KZ Auschwitz-Monowitz den Tod fanden.
Die Liste der Verbrechen ist zu lang, um
hier gänzlich dokumentiert zu werden.
1952 wurde die I.G. Farben in ihre
ursprünglichen Unternehmen aufgespaltet,
die Rechtsnachfolge trat die
I.G. Farben i. A. („in Abwicklung“) an.
Diese so genannte Abwicklung dauerte über
50 Jahre und endete erst mit der Insolvenz
der I.G. Farben i. A. im Jahr 2003.
Sämtliche Verantwortung für Verbrechen
der I.G. Farben lehnten die „neuen“ alten Chemiekonzerne ab: ob BASF,
Hoechst oder Bayer - alle verwiesen auf die
I.G. Farben i. A., sobald es beispielsweise
um Fragen von ZwangsarbeiterInnen-entschädigungen
ging.

Die Bayer AG bekennt sich so beispielsweise
bis heute durch eine Stiftung zu Fritz
ter Meer. Ter Meer wurde 1951 Aufsichtsrats-vorsitzender
bei Bayer, nachdem er
zuvor bei den I.G. Farben Prozessen 1947
u. a. wegen Versklavung und Plünderung
zu sieben Jahren Haft verurteilt wurde. Er
war im 2. Weltkrieg für den Aufbau des
I.G.-Farben-Werkes bei Auschwitz – dem
KZ Auschwitz III Monowitz – verantwortlich,
in dem alleine über 30.000 ZwangsarbeiterInnen
den Tod fanden.
Unter dem Motto „Kein Vergeben - Kein Vergessen!“
wollen wir auch in diesem Jahr
den Opfern der Gräueltaten,
der euphemistisch „Reichskristallnacht“ genannten Ausschreitungen,
von 1938 gedenken und gleichzeitig
den mittlerweile
schon alltäglichen Neonazi-Terror thematisieren.
Lasst uns gemeinsam ein Zeichen gegen den
alltäglichen Antisemitismus und Rassismsu setzen!
GEGEN JEDEN GESCHICHTSREVISIONISMUS!
Kommt deshalb alle
zur antifaschistischen Gedenkdemonstration
am 9. November 2007 UM 18:30 UHR
in der Bahnhofstraße in Leverkusen-Opladen.

![[AALEV]](../images/gfx_artikel/20071109/aalev_web.jpg) 
September 2007
Initiative „9. November“
Antifaschistische Aktion LEVerkusen - [AALEV]
Kulturvereinigung Leverkusen e.V.
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